Alle Artikel

Weihnachten aus anderer Perspektive

Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser im Interview

Die Feiertage und das bevorstehende Fest ist nicht für alle eine freudige Zeit. Jene, die persönliche Krisen durchleben, blicken Weihnachten mit gemischten Gefühlen entgegen. So wie jene Frauen, die von gewaltbetroffen den Schritt in ein Frauenhaus zusammen mit ihren Kindern getan haben. Ich habe die Geschäftsführerin des Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser kurz AÖF, Maria Rösslhumer, getroffen, die aufgrund der steigenden Gewaltbetroffenen viele Aktivitäten setzen.

Frau Rösslhumer, Sie engagieren sich seit mehr als zwei Jahrzehnten für Frauen, was haben Sie über die Jahre beobachtet?
Das Ausmaß der Gewalt an Frauen ist erschreckend hoch in Österreich. Jede 5. Frau ab dem 15. Lebensjahr ist mindestens einmal in ihrem Leben von körperlicher und oder sexueller Gewalt hauptsächlich durch ihren Partner oder Ex-Partnern betroffen. Jährlich müssen mehr als 3.000 Frauen mit ihren Kindern vor häuslicher Gewalt flüchten.
Außerdem erleben und beobachten Frauenhäuser eine Zunahme an schwerer Gewalt. Viele Frauen leben in sogenannten Hochrisikosituationen. Das heißt, sie leben in permanenter Angst, werden verfolgt, viele haben Angst, dass der eigene Partner oder Kindesvater die Kinder entführt. 2018 gab es laut polizeilicher Kriminalstatistik 41 Morde an Frauen. Zum Vergleich zu 2014 kam es zu mehr als einer Verdoppelung – ein trauriger Rekord. Frauenhäuser sind daher lebensrettende Einrichtungen. Gäbe es keine Frauenhäuser so würden wahrscheinlich noch viel mehr Frauen ihr Leben verlieren.

Wer kann sich an Sie wenden und welche Unterstützung bekommt man von den Frauenhäusern?
Frauenhäuser stehen für alle Frauen offen, unabhängig von Alter, Herkunft oder Religion. Beratung und umfassende Unterstützung und Information erhalten hilfesuchende Frauen auch über die Frauenhelpline gegen Gewalt 0800/222 555. Sie ist seit über 20 Jahren im Verein AÖF angesiedelt und versteht sich als die erste Anlaufstelle für gewaltbetroffene Frauen. Hier können Frauen telefonisch, kostenlos, rund um die Uhr an 365 Tage im Jahr anonym Rat und umfassende Hilfe bekommen. Die Frauenhelpline bietet mehrsprachliche Beratung und ist der direkte Draht zu den Frauenhäusern.
Von Gewalt in der Familie sind stets Kinder mit betroffen – sei es durch direkte Gewaltausübung oder durch miterlebte Gewalt. Daher bieten wir auch konkret Kindern Informationen und Hilfe an, über die Kinderwebsite www.gewalt-ist-nie-ok.at. Weiters bietet der Verein auch einen Helpchat bzw. eine Onlineberatung für Frauen und Mädchen unter www.haltdergewalt.at zur Verfügung. Die virtuelle Beratungsstelle stellt einmal pro Woche zwei Gewaltexpertinnen für Anfragen zur Verfügung.
Und seit 1.1. 2019 koordiniert der Verein AÖF auch das Nachbarschaftsprojekt „StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt“ – ein am Gemeinwesen orientiertes Projekt mit dem Ziel, Partnergewalt und schwere Gewalt an Frauen und Kindern zu verhindern und Nachbarschaften zu stärken. Durch das Aufzeigen von Unterstützungsmöglichkeiten werden Nachbarn und Nachbarinnen darin bestärkt, sich Hilfe zu holen oder zu geben. Sie werden ermutigt, Gewalt nicht zu verschweigen. Wenn die Nachbarn sensibilisiert sind und das auch signalisieren, ist oft das schon hilfreich. In dem Rahmen gibt es auch Veranstaltungen, nämlich eigene StoP-Frauentische und StoP-Männertische. Informationen dazu findet man unter: www.stop-partnergewalt.at

Es gibt 15 Frauenhäuser in Österreich, wie begehen Sie dort Weihnachten?
Gerade zu Weihnachten sind Frauenhäuser besonders wichtig, weil gerade in diesen Zeiten, oftmals Gewalt eskaliert. Zu Weihnachten sind etwa 190 Frauen und 210 Kinder in den 15 autonomen Frauenhäusern. Die Mitarbeiterinnen und Betreuerinnen der Frauenhäuser sind sehr bemüht, den Frauen und Kindern Weihnachten und die Feiertage besonders schön und liebevoll zu gestalten, damit sie die schlimmen und traumatischen Erfahrungen vorübergehend vergessen können. Deswegen freuen wir uns auch sehr über die Unterstützung von Tchibo. Das ist eine herzliche Geste und ist für die Frauen und Kinder eine willkommene Weihnachtsüberraschung.

Sehr gerne, danke für das Interview!


Mag.a Maria Rösslhumer, Politikwissenschaftlerin, Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF), Leiterin der Frauenhelpline gegen Gewalt (0800/222 555), von 1999-2017 Geschäftsführerin des Vereins WAVE (Women Against Violence Europe), des Europäischen Netzwerks gegen Gewalt an Frauen und Kindern, Vorstandsmitglied des Österreichischen Frauenrings (ÖFR) und von 2014-2016 Vorstandsfrau des Vereins OBRA (ONE BILLION RISING AUSTRIA). Trainerin, Systemische Coach, Gender- und Gewaltexpertin. Kontakt: maria.roesslhumer@aoef.at, Tel: 0664 7930789, weitere Infos unter www.aoef.at.

Diesen Artikel weiterempfehlen

2 Kommentare zu „Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser im Interview

Hier kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.